Berliner Zeitung: Schmuck in der Spraydose

Der pinkfarbene Lippenstift bewahrt sicher das Geld auf, das man sich fürs Ausgehen eingesteckt hat. Auch die große Schraube, in deren Innern ein paar Banknoten Platz finden, würde ein Räuber seinem Opfer nicht unbedingt wegnehmen. Im handlichen Feuerlöscher kann man unbesorgt die Pässe unterbringen, die Haarbürste mit den Autoschlüsseln im abschraubbaren Griff getrost am Strand liegenlassen. Und im Sockel einer Toilettenbürste würden vielleicht selbst Kronjuwelen unangetastet bleiben. Stefan Neser hat harmlose Alltagsgegenstände zu Verstecken umfunktioniert und vertreibt sie im Internet, auf Märkten und in seinem Laden am S-Bahnhof Sonnenallee.

 

Ohrringe in der Batterie - darauf kommt ein Dieb so schnell nicht.

Ohrringe in der Batterie – darauf kommt ein Dieb so schnell nicht.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
 

 
„Vanrode“ steht über dem Eingang in der Schudomastraße – so benannte Daniel Kehlmann den Zaubermeister in seinem Roman „Beerholms Vorstellung“. Wer über die Schwelle tritt, kann viele kuriose Dinge verbringen und sich über die Aufschrift „Zähne und Gebisse“ amüsieren, mit der ein Karton beschriftet ist, in dem sich entsprechend gestaltete Seife befindet. Das gehört auch zum Sortiment: Herzen, Enten und Chrysanthemen aus Seife. Das Herzstück des „Vanrode“-Unternehmens ist jedoch die Produktion von mobilen, gut getarnten Aufbewahrungsmöglichkeiten für alle Dinge, die Diebe und Einbrecher besser übersehen sollten.

Dankbare Kunden

Vor elf Jahren hat Stefan Neser diese Nische entdeckt. Mails von dankbaren Kunden spornen den Mann mit dem wehenden Haar, Brille und dem charakteristischen Kinnbart zu immer neuen Kreationen an. „Mein Auto wurde neulich am Viktualienmarkt aufgebrochen“, schrieb ihm ein Münchener Juwelier. „Die haben alles mitgenommen – nur nicht die Spraydose mit dem Universal-Öl. Darin hatte ich die Goldketten versteckt.“ Ältere Menschen nutzen gerne die Batterie-Hüllen mit der Aufschrift „Black Power“, um diverse PIN-Nummern und Codes abzulegen. Mitarbeiter von Pressestellen sichern darin ihre Datenträger.

Bevor er Mimikry-Versteck-Erfinder wurde, übte Stefan Neser diverse andere Berufe aus. Grundlegende Fähigkeiten erwarb er schon als Siebenjähriger, als er sich mit der Zauberkunst, der Welt von Netz und doppeltem Boden, zu beschäftigen begann. Später wurde er Rettungssanitäter und Hörgeräteakustiker, er ließ sich zum Heilpraktiker ausbilden und kämpfte im Garten- und Landschaftsbau mit der Motorsäge mit der Natur.

Einen Sommer lang war er Schlagzeuger in einer aufstrebenden Rockband. 2003 zog er schließlich mit einem Sack Klamotten, einem Computer und einem Stuhl von Stuttgart nach Berlin und arbeitete bei einem Kumpel, in dessen Firma Platten und Rohre aus Acryl gefertigt wurden. Als die Firma pleite ging, war der Neuberliner arbeitslos. Eine schwierige Situation, wenn zusätzlich noch der Großvater stirbt und die Freundin einen verlässt. „In dieser Stadt kannst du richtig gut untergehen“, meint der 41-Jährige rückblickend.
 
Geld passt perfekt in eine große Schraube.

Geld passt perfekt in eine große Schraube.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
 
Glücklicherweise fiel ihm in diesem Moment die Sache mit der Konservendose ein, die er in einem Jahre zurückliegenden Sommerurlaub an der Côte d’Azur zu einem Geheimversteck umfunktioniert hatte. „Das geht noch besser“, sagte er sich und gründete eine Ich-AG. Das Geld reichte wahlweise für einen Apfel oder eine Currywurst pro Tag und für die Miete seiner Neuköllner Wohnung, in deren Küche er werkelte. Aus Getränkedosen wollte er einen zweiteiligen Safe bauen, der dank einer selbstentwickelten Gießmasse genauso schwer sein sollte wie das Vorbild-Produkt. Dafür brauchte er je eine Maschine zum Blechumformen, zum Schneiden, zum Drehen und zum Entgraten, jede baute er selbst. Die damit gefertigten Safes offerierte er zunächst bei Ebay, dann in seinem eigenen Onlineshop Dosensafe.

Ärger mit der Bundesbank

„Als Unternehmer brauchst du Wissen, Fleiß und Glück“, sagt Neser. Mittlerweile hat er mehrere Mitarbeiter, sogar eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen produziert für ihn. 130 verschiedene Geheimfächer vertreibt „Vanrode“ im In- und Ausland.

Seine neueste Erfindung war eine 50-Cent-Münze, in dem der geneigte Geheimagent Datenmengen auf einer 64-MB-Micro-SD-Karte hätte schmuggeln können. Conrad Electronic bekundete Interesse als Vertriebspartner – bis die Deutsche Bundesbank, Abteilung Münzangelegenheiten, die Träume vom Siegeszug des „Spy Coins“ zunichte machte: „Ich würde damit Falschgeld produzieren“, seufzt Stefan Neser. Doch so schnell gibt er nicht auf – die Technologie der Münze will er nun für ein artverwandtes Produkt nutzen.

Auch die Schweizer Eidgenössischen Zollverwaltung wurde auf ihn aufmerksam: „Guten Tag, Herr Neser“, ahmt der Kreative den schweizerdeutschen Zungenschlag nach. „Wir haben ein neues Röntgengerät erworben, das würde wir gerne an Ihren Produkten testen.“ Mit Vergnügen schickte er eine Auswahl, um die Schweizer Zollschüler für mögliche Schmuggelverstecke zu sensibilisieren. „Damit verjage ich natürlich die subversive Klientel“, sagt Neser. Das ist ihm recht.

– Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/24512384 ©2016

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